Der Junge mit dem Brot
und weitere Geschichten zu Figuren der „Westfälischen Krippe“
der Auferstehungskirche der ev. Kirchengemeinde Bad Oeynhausen - Altstadt

 

 

Diese drei Geschichten „Der Junge mit dem Brot“, „Der Hirte mit der Schalmai“ und „Der Hirte mit dem Schaf“ habe ich für den Kindergottesdienst im Dezember 2014, 2015 und 2016 in unserer Gemeinde geschrieben und danach auch in Altenheimen verwendet.

Alles in Kursivschrift gesetzte gehört natürlich nicht zur eigentlichen Erzählungen, sondern sind nur allgemeine Hinweise und Anmerkungen.
Eike Fleer

 

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Jedes Jahr betrachte ich sie immer wieder gerne - unsere Krippe, die in der Advents- und Weihnachtszeit in unserer Auferstehungskirche aufgebaut ist. Und manchmal vertiefe ich mich dabei besonders in die Betrachtung einer der Figuren. Und dann versuche mich in den Menschen von damals hineinzuversetzen, den diese Figur darstellt. Wie mag er das Geschehen damals erlebt haben? Vielleicht so:

Der Junge mit dem Brot (2014)

Der Hirte mit der Schalmai (2015)

Der Hirte mit dem Schaf (2016)

 

 

 


 

 

Der Junge mit dem Brot

Ich bin Jakobus. Mein Vater heißt Alphäus. Ich war dabei, in jener Nacht. Zwölf Jahre war ich damals alt. Meine Eltern hatten einen kleinen Hof in Bethlehem. Wir lebten in erster Linie von unseren Schafen. Und dann hatten wir auch noch einige kleine Felder, auf denen wir Getreide für Brot anbauten. Ja, auch das Brot buken wir selber. Ich hatte an dem Tag vor der besonderen Nacht wieder lange die Handmühle gedreht. Ich kann euch sagen: Davon kriegt man Muskelkater, wenn man diesen schweren Stein längere Zeit in Bewegung hält. Aber ich fand: Allein der Anblick des schönen Mehls, dass dann aus der Seite unter dem Mahlstein hervorquillt, entschädigt einen dafür. Wusste ich doch: Daraus würde Mutter nachher einen Teig kneten und ihn mit etwas Sauerteig versetzen. Und nachdem der Sauerteig den Teig dann einige Stunden später ganz durchsäuert hatte, würde sie daraus wieder diese schönen Brote formen und in unserem Steinofen backen.

Und wenn die dann fertig sind: Ich sag euch, es gibt meiner Meinung nach keinen herrlicheren Duft als den dieses frisch gebackenen Brotes. Und meine Mutter sagte immer: "Brot ist Leben."  Ach, übrigens: Wenn ihr den Namen unseres Ortes, Bethlehem, in eure Sprache übersetzt, dann müsste er heißen: "Haus des Brotes", oder vielleicht in eurer Sprache noch besser: "Brothausen".

 

Abends habe ich meinen Vater Alphäus wieder zu unserer Schafsherde begleitet. Diese weidete zu der Zeit auf den abgeernteten Feldern vor unserem Ort. Des Nachts wurden sie in einfache Hürden, durch einfache bewegliche Lattenzäune  begrenzte Bereiche, eingepfercht. Unsere Knechte waren zu der Zeit immer bei der Herde und passten auf. Auch Nachts. Und auch wir beide - mein Vater Alphäus und ich - wollten zumindestens einen großen Teil dieser Nacht dort draußen bleiben. Mein Vater hatte mit den Knechten noch etwas wegen der nun bald wieder anstehenden Schafschur zu besprechen. Und dann wollten wir uns auch wieder an den Geschichten des alten Knechtes Elias erfreuen.  Dieser konnte so wunderschön am Lagerfeuer erzählen. An jenem Abend erzählte er wieder von Mose auf dem Berg Sinai. Von Mose, der so vertraut war mit Gott wie kein anderer Mensch. Und der Gott dann auf dem Berg Sinai gebeten hatte: Lass mich deine Herrlichkeit sehen. Aber Gott hatte ihm dies verwehrt mit den Worten: "Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht." Und dann hatte Gott den Mose in eine Felsspalte gestellt und seine Hand über ihn gehalten, als er mit seiner Herrlichkeit an ihm vorüberzog. Und Mose durfte nur hinter ihm her sehen.     (s. 2. Mose 33, 20 ff.)

Von dieser Geschichte von Mose auf dem Berg Sinai müsst ihr wissen, wenn ihr die die Furcht verstehen wollt, die wir kurz darauf hatten.  Lukas beschrieb das, was damals geschah, später  mit den Worten: "... und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie, und sie fürchteten sich sehr." Ja, Lukas, das "und sie fürchteten sich sehr", mit der du unser erstes Gefühl damals beschrieben hast, war in meinen Augen noch eine Untertreibung. Ich zumindestens hatte einen kurzen Moment damals richtige Todesangst - und klammerte mich eng an meinen Vater. Dieses unheimlich hell strahlende Licht - dass konnte doch nur die Herrlichkeit des Herrn sein, von der der alte Elias noch kurz zuvor gesprochen hatte. Erst als der Engel diese erlösenden und tröstenden Worte: "Fürchtet euch nicht." gesprochen hatte,  wich dies Erschrecken von uns - und wir konnten seine frohe Botschaft aufnehmen: Euch ist heute der Heiland geboren.

Der Heiland, auf den wir schon so lange gewartet haben. Klar, dass  wir, nachdem die Erscheinung des Engels und des Engelchores vorbei war, sofort aufbrachen. Wir suchten das Kind und seine Eltern und fanden es bald. Und an den Zeichen, die der Engel genannt hatten, erkannten wir es: ein neugeborenes Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

 

Und am anderen Morgen fragte ich dann meine Eltern: Können wir dem Kind, ich meine seinen Eltern - nicht eines dieser schönen Brote schenken, die wir gestern gebacken haben? Ja, sagte meine Mutter, und drückte mir eines der Brote in die Hände. Und dabei sagte sie wieder: "Brot ist Leben."  "Ja." sagte mein Vater. "Lasst uns gleich aufbrechen. Du darfst es ihnen geben." Und dann waren wir wieder bei Maria, Josef und dem Kind Jesus. Mein Herz klopfte heftig vor Aufregung, als ich Maria das Brot gab und sagte: "Für euch." Und dann die Worte meiner Mutter wiederholte: "Brot ist Leben."
Und da geschah es. Maria und Josef bedankten sich bei meinen Eltern und mir. Und dann hielt Maria dem Kind das Brot hin und sagte ebenfalls: "Brot ist Leben." Und das kleine Kind legte seine Händchen auf das Brot - wie wenn es das Brot segnen wollte. Und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Und da durchfuhr es mich heiß: Ja, es war mir, als hätte Gott selbst mich durch dieses kleine Kind angelächelt.

 

 

 

Ja, damals bin ich, Jakobus, Sohn des Alphäus, Jesus schon das erste Mal begegnet. Ich wusste damals natürlich noch nicht, dass er später einmal mein ganzes Leben bestimmen würde. Aber als Jesus etwa 30 Jahre später durch Galiläa zog, den Menschen von Gott erzähle, und viele Menschen an Leib und Seele gesund machte, da gehörte ich bald zum engsten Kreis seiner Anhänger. Ich kann also noch viele Geschichten von ihm erzählen. Vielleicht ein anderes Mal. Nur so viel heute noch: Oft noch, wenn er auf seine ihm eigene Weise Brot segnete, brach und austeilte, wurde ich an diese Begegnung mit ihm am ersten Tag nach seiner Geburt erinnert. Und als ich ihm dann das erste Mal davon erzählte, schaute er mich nur mit einem gütigen, wissenden Lächeln an - und nickte nur.

 

;-) Jakobus, Sohn des Alphäus = s. Apostelliste, Luk. 6, 12 ff. par.

Und noch zwei versteckte Anspielungen:

„..., wenn er auf seine ihm eigene Weise Brot segnete, brach und austeilte, ...“ - als er das tat, da haben auch die Emmausjünger schließlich den Auferstandenen erkannt.

"Brot ist Leben." - Jesus: "Ich bin das Brot des Lebens."

 


 

 

Der Hirte mit der Schalmai

Ich bin Elias. Ich bin der Älteste unter den Hirten, die die Schafe des Alphäus hüten. Schon bei seinem Vater Simon habe ich, noch als Knabe, als Hirte angefangen. Und auch Alphäus ist, wie einst sein Vater, ein guter Herr, der für die Seinen sorgt. So bin ich nun schon viele Jahre bei ihm. Alphäus hat einen kleinen Hof in Bethlehem. In erster Linie lebt seine Familie von der Schafzucht. Daneben haben sie noch einige kleine Felder am Rande von Bethlehem, auf der sie Brotgetreide anbauen.

Viel besitzen tue ich nicht. Das wertvollste, was ich besitze, ist meine Schalmei. Darauf kann ich viele Lieder blasen. Ich kenne viele Lieder. Vor allem aus unseren Psalmen. Lieder, mit denen wir Gott loben. Lieder, mit denen wir Gott unser Leid klagen. Lieder, die uns zur Zuversicht auf Gott einladen. Je nach meiner Stimmung sind meine Lieder manchmal fröhlich und manchmal traurig. Manches Mal habe ich auch schon andere Menschen mit meinen Liedern erfreut - dass weiß ich. Und manchmal bin ich anderen Menschen damit vielleicht auch schon mal "auf den Wecker gefallen" - wie es Musikern so eben geht. Und für noch was anderes ist meine Schalmei sehr praktisch. Ich habe nämlich den Hütehund des Alphäus, unseres Herrn, dazu abrichten können, auf Signale aus dieser Schalmei zu hören und danach zu handeln. Er kennt z.B. das Signal zum Loslaufen : "Los ..." (das erste Richtungszeichen gebe ich dann mit der Hand) und die vier weiteren Richtungssignale: "geradesaus ... rechts ... links ... zurück" und läuft dann in diese Richtung. Bis er dann z. B. das Signal "stopp" hört und stehen bleibt, dann zum Beispiel vor oder bei einem Schaf steht, und ein weiteres Signal hört: "Dieses Schaf zu mir." - und er treibt es dann zu mir. Oder bei einem anderen Signal "Alle Schafe zu mir." treibt er alle Schafe zusammen und zu mir. Ich schmunzle manchmal innerlich, wenn Fremde diese Szene beobachten und meinen, die Schafe würden auf mein Schalmeispielen hin zu mir kommen - ist es in meinen Augen dann doch eher der gute Hütehund, der sie zu mir bringt - aber wer weiß ...

Ich war dabei an jenem Abend. Wir hüteten die Schafe damals auf den abgeernteten Feldern vor Bethlehem. Wir hatten sie am Abend wieder in die Hürden gebracht, in durch einfache Lattenzäune abgegrenzte Bereiche. Und am Abend war auch unser Herr Alphäus aus Bethlehem zu uns gekommen, und mit ihm sein Sohn, Jakobus, damals zwölf Jahre alt. Ein aufgeweckter, wissbegieriger Junge, wir hatten ihn alle gern. Sie hatten auch schönes Brot mitgebracht, das die Frau des Alphäus an diesem Tag gebacken hatte. Alphäus sprach mit uns zunächst über die Schafschur, die demnächst wieder anstand. Wir wussten: Einiges an zusätzlicher Arbeit kam da bald wieder auf uns zu - aber wir taten es ja gerne, denn Alphäus war, wie schon gesagt, ein guter Herr.

Und dann lagerten wir uns wieder um das Lagerfeuer, nun auch mit Alphäus und seinem Sohn, aßen das Brot, schauten in die Flammen, träumten ein wenig vor uns hin. "Spiel, Elias!" forderte einer meiner Mitknechte - und ich nahm meine Schalmei und spielte … ein altes Lied aus der Zeit der Gefangenschaft unseres Volkes in Babylon, dass viele in unserer Zeit aber auch als Hinweis auf den kommenden Messias verstanden: "Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die Träumenden ..." Die Töne verklangen, wir schwiegen. "Wann wird er kommen. ... Wir warten doch schon so lange." flüsterte einer. Keiner antwortete, alle hingen ihren Gedanken nach.

Es war Jakobus, der schließlich das Schweigen brach. "Elias," fragte er, "erzählst du uns wieder eine Geschichte?" Und ich erzählte die Geschichte von Mose auf dem Berg Sinai.  "Elias." fragte Jakobus danach nach einer Weile. "sag mal: Hat Mose dort auf den Berg Sinai, Ihn, Gott, selbst gesehen?" "Nein." sagte ich nach einer Weile des Nachdenkens. "Er hat wohl Gott darum gebeten, ihn auch sehen zu dürfen. Aber in der heiligen Thora steht, dass Gott selbst Mose das verwehrt hat, mit den Worten: "Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht." Und dann hatte Gott den Mose in eine Felsspalte gestellt und seine Hand über ihn gehalten, als er mit seiner Herrlichkeit an ihm vorüberzog. Und Mose durfte nur hinter ihm her sehen."

Und kurz darauf geschah es: Plötzlich umflutete uns mitten in der Nacht dieses helle gleißende Licht. "Das ist sie, die Herrlichkeit des Herrn." dachten wir wohl alle sofort. "… Keiner wird leben, der mich sieht. … Hilfe, wir sind verloren. … ". Deshalb die große Furcht, die wir alle im ersten Moment hatten. Ich sah, wie sich Jakobus ängstlich an seinen Vater klammerte. Und auch meinen Gefährten stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben - und mir sicher auch. Erst als der Engel seine tröstlichen Worte: "Fürchtet euch nicht." gesprochen hatte, wich dies Erschrecken von uns - und wir konnten seine frohe Botschaft aufnehmen: Euch ist heute der Heiland geboren.

Der Heiland, auf den wir schon so lange gewartet haben. Klar, dass wir, nachdem die Erscheinung des Engels und des Engelchores vorbei war, sofort aufbrachen. Wir suchten das Kind und seine Eltern und fanden es bald. Und an den Zeichen, die der Engel genannt hatten, erkannten wir es: ein neugeborenes Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

Und da habe ich dann dem Kind - und seinen Eltern - am folgenden Tag all meine Lieder gespielt. Und als ich dann mein Lieblingslied spielte: "Lobe den Herrn meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen. Lobe den Herrn meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat." - da war es mir, als hätte das Kind in der Krippe mich angelächelt.

 

 


 

 

Der Hirte mit dem Schaf

Ich bin Benjamin, der jüngste der Hirten des Alphäus. Ich war damals bei den Hirten im Stall zu Bethlehem dabei. Freilich, die Erscheinung des Engels und des Engelchores habe ich nicht selber miterlebt. Dieses verflixte Schaf, hier an meiner Seite, war daran schuld. Besser sage ich wohl, es war die Ursache, denn Tiere können ja nicht schuldig werden. Aber mal der Reihe nach:

Es war an jenem Abend, eigentlich zunächst ein Abend wie jeder andere. Wir hatten gerade die Schafe in die Hürden, einen durch einfache Holzgatter abgetrennten Bereich, getrieben, als Alphäus, unser Herr, und sein zwölfjähriger Sohn Jakobus zu uns kamen. „Zähle du!“ sagte Elias, der älteste von uns, zu mir. Und alle anderen lagerten sich dann um das Feuer. Und ich zählte: „… 97… 98 … 99 … das kann doch nicht sein, eines fehlt.“ Ich zählte nochmals. Aber kam wieder auf dieselbe Zahl. 99 … und dabei müssten es genau 100 sein. Schnell ging ich zu den anderen ans Feuer. Ich sprach den Elias als ersten an. „Elias … ein Schaf fehlt.“ Elias stand auf, sagte zu Alphäus, der neben ihm saß: „Mal sehen.“. Er ging mit mir an die Hürden. Zählte selber. „Du hast recht.“ sagte er dann mit knurriger Stimme.  „Und du weißt sicher auch schon, welches mal wieder.“ „Ist es Ausreißer?“ fragte ich. Wir hatten einigen Schafen nach ihren Eigenschaften eigene Namen gegeben. „Ja, sicher.“ sagte Elias. Elias konnte alle unsere Schafe genau unterscheiden, an ganz feinen Einzelheiten, ich war noch nicht so weit.  „Dieses mal wieder. ...“ „Ich gehe es suchen.“ sagte ich. „In Ordnung.“ sagte Elias. „Nimm den Hund mit.“ Er blies eine kurze Tonfolge auf seiner Schalmei … und der Hund kam angetrabt. „Geh mit ihm!“ sagte Elias zu dem Hund, und legte mir die Hand auf die Schulter. Der Hund schnupperte kurz an mir. Und ich wusste: Nun würde er auf den vor uns liegenden Weg mich als Anführer akzeptieren und mir gehorchen.  „Geh in Richtung der Ställe bei Bethlehem, von wo wir heute Morgen aufgebrochen sind.“ sagte Elias. Ich schaute in meine Hirtentasche. Ja, ich hatte sie dabei, meine Steinschleuder und einige Steine – für alle Fälle. Mit Elias ging ich noch zurück zum Feuer. Wir sagten den anderen Bescheid. Jakobus gab mir noch ein Stück von dem Brot mit, das die Familie des Alphäus heute gebacken hatten und welches die anderen gleich am Lagerfeuer essen würden. Und ich brannte am Lagerfeuer noch einen bereitliegenden langen Holzscheit an einem Ende an und benutzet ihn als Fackel. Dann brach ich mit dem Hund auf.

Rasch wurde es nun dunkel. Gut, dass ich die Fackel bei mir hatte. Und den Hund. Ohne ihn hätte ich in der Nacht kaum eine Chance, das Schaf zu finden. So befahl ich ihm aber, nachdem wir ein Stück vom Lager weg waren: Such Schaf! Und er fing an, in großen Zickzacklinien die Fläche vor mir abzusuchen. Immer wieder verschwand er in der nun rasch einbrechenden Dunkelheit, tauchte wieder auf, suchte auf der anderen Seite von mir. Und ich wusste: Er würde durch seine feine Nase immer wissen, wo ich war. Und je langsamer ich ging, desto größer war die Fläche, die er seitlich absuchen konnte. Ich ging also langsam - und lauschte in die Nacht hinein.  Ob ich das - vielleicht verzweifelte - Blöken eines einzelnen Schafes hören würde. Oder das dreimalige Anschlagen des Hundes, das zeigte, dass er ein Schaf gefunden hatte. Ein sanftes Anschlagen hatte ihm Elias für diesen Fall beigebracht, so dass das Schaf dadurch nicht erschrecken würde. Für mich hieß das dann: „Schaf gefunden, hier ...“  und für das Schaf vielleicht-so stellte ich mir vor: „Hirte kommt.“

Doch ich hörte nur die anderen Geräusche in der Nacht.

Doch was war das? Da kamen Lichter auf dem Weg hinter mir auf mich zu. Menschen, die auch wie ich Fackeln trugen? Wenn das nun böse Menschen waren? Schnell rief ich den Hund zu mir. Zeigte auf die Lichter. Der Hund hob die Nase in die Richtung, schnupperte - und … wedelte mit dem Schwanz und verhielt sich ganz freundlich.

Die Fackelträger kamen näher. Und da erkannte ich sie: Es waren ja alle meine Gefährten. Der alte Elias und all die anderen. Auch Alphäus und sein Sohn Jakobus waren mit dabei. Alphäus rief mir zu: Benjamin, komm mit. Etwas Großartiges ist geschehen.

Und als sie heran waren, sprudelte es aus Jakobus heraus: Du, Benjamin, wir haben einen Engel gesehen. Und der sagte uns: Dort in Bethlehem ist heute der Heiland geboren. Der, auf den wir so lange gewartet haben. Komm mit!

"Aber ... ich muss doch das Schaf suchen." "Ach was, Schaf." sagte Alphäus. "In solch einer besonderen Nacht kann dem doch eigentlich nichts passieren. Komm mit!" Und so ging ich mit den anderen, Wenn ich mich recht erinnere, liefen wir eigentlich mehr.

Ja, und dann kamen wir an den ersten der Ställe vor Bethlehem. Und schauten hinein. Und da waren sie: Maria, Joseph, das Kind. Es war, wie der Engel beschrieben hatte: in Windeln gewickelt und lag in einer Krippe. Diese Kind - das war also der Heiland. So unspektakulär, in einer Notunterkunft geboren. Doch was meine Gefährten mir berichtet hatten, das von dem Engel … meine Gefährten waren, das wußte ich, glaubwürdig. Was würden wir von diesem Kind, wenn es groß geworden war, noch hören? Was würden wir erfahren? Ich konnte meine Augen nicht von dem Kind wenden. Maria deutete uns an, leise zu sein, und winkte uns zu dem Kind hin. Voller Ehrfurcht betrachteten wir es.

Den Hund hatte ich dabei ganz aus den Augen verloren. Der hatte sich im Stall bisher auch im Hintergrund gehalten. Doch nun kam er nach vorne. Schnüffelte auf dem Boden. Verfolgte eine Spur, an der Krippe vorbei bis zu einer Ecke des Stalles. Und dort stieß er dreimal sanft an: Wau. Wau, Wau. Und da lag es ja auch: der Ausreißer, das verflixte Schaf, das ich (wieder mal) gesucht hatte.

 

 

 

 


 

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